Fair Isle – Eine kleine, sturmerprobte Insel mitten im Nirgendwo, auf der deutlich mehr Vögel als Menschen leben. Sie gehört zu den entlegensten bewohnten Inseln des Vereinigten Königreichs. Mitten im Atlantik, zwischen Orkney und Shetland. Und trotzdem gibt es viel zu sehen und lernen.
Überblick
Fair Isle gehört geographisch zur schottischen Inselgruppe der Shetlandinseln und ist eine der entlegensten bewohnten Inseln des Vereinigten Königreichs.
Mit etwa 60° nördlicher Breite und 1° 37 Minuten westlicher Länge liegt sie auf dem gleichen Breitengrad wie der Hardangerfjord in Norwegen, die Insel Grönland, der Yukon oder Finnland.
Fair Isle hat eine Fläche von nur 5,61 Quadratkilometern bei einer Länge von etwa 5 Kilometern und einer Breite von 2,5 Kilometern. Der höchste Punkt der Insel ist der Ward Hill mit 217 m über dem Meeresspiegel. Eine felsige Steilküste und eine Reihe kleiner Buchten und Strände bilden die Küstenlinie.
Die Wirtschaft basiert hauptsächlich auf Schafzucht, Wollverarbeitung und Tourismus. Außerdem ist die Insel ist ein beliebtes Ziel für Vogelbeobachter und Ornithologen aus aller Welt.
Die Bevölkerungszahl von Fair Isle beträgt um die 60 Einwohner:innen, die in verstreut gelegenen Häusern leben.
Klima
Das Klima auf Fair Isle ist im Durchschnitt eher kühl und feucht, wie überall auf den schottischen Inseln, und die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt nur 8 Grad. Die Sommer sind mit durchschnittlich 15 Grad eher mild und die Winter mit durchschnittlich 6 Grad kühl und windig. Im Sommer kann es aber auch über 20 Grad warm und im Winter kalt mit Frost werden. Die Temperaturen fallen jedoch selten unter den Gefrierpunkt und so bleibt Schnee auf Fair Isle ein eher seltenes Ereignis.
Niederschlag gibt es aber im Allgemeinen mehr als genug. Die durchschnittliche Niederschlagsmenge beträgt etwa 970 Millimeter pro Jahr. Es regnet oft, aber nicht ständig. Dafür wechselt das Wetter sehr häufig und sehr schnell.
Im Winter fegen in kurzen Abständen Stürme über die Insel und sorgen dafür, dass fast nur Gräser, Heidekraut und niedrige Büsche wachsen können.
Die Stürme schneiden Fair Isle auch regelmäßig tagelang von der Außenwelt ab. Wenn der Wind zu stark ist oder aus der falschen Richtung kommt, ist es oft einfach zu gefährlich auf dem Flugfeld zu landen, sei es für den Hubschrauber der Küstenwache oder das Flugzeug, welches regelmäßig die Insel anfliegt. Auch die kleine Fähre oder andere Schiffe können dann nicht sicher ihre Reise antreten und im kleinen Hafen anlegen.
Der stetige Wind sorgt inzwischen aber auch dafür, dass auf der Insel jederzeit Strom zur Verfügung steht.
Flora und Fauna
Fair Isle ist bekannt für ihren Vogelreichtum. Aber es gibt auch viele andere Tiere und Pflanzen zu entdecken. Feldmäuse, Fledermäuse, Kaninchen, Schafe, Libellen und andere Insekten leben an Land. Allein die Aufzählung der verschiedenen Schmetterlinge und Nachtfalter füllt etliche Seiten. Die Aufzählung der dokumentierten Pflanzen füllt ebenfalls mehrere Seiten.
In den Gewässern rund um die Insel leben auch Robben, Wale, Delfine und Schweinswale. Ein Artenreichtum, den man einer kleinen Insel gar nicht zutrauen würde.
Zu all den Tieren kommen noch die Schafe dazu.
Geschichte
Fair Isle wurde vor etwa 6.000 Jahren erstmals besiedelt und einige Spuren der frühen Bewohner sind noch heute sichtbar. Das sind zum Beispiel Feldgrenzen aus der Jungsteinzeit und eine eisenzeitliche Festung in Landberg. Die frühe Besiedlung ist erstaunlich, da die abgelegene Lage und die Wetterverhältnisse die Überfahrt mit dem Boot zu dieser Zeit sehr gefährlich gemacht haben muss.
Außerdem gab es auf der Insel weder Bäume noch andere Rohstoffe. Man musste von den Dingen leben, die auf oder um die Insel wuchsen oder lebten.
Trotzdem war Fair Isle durchgehend besiedelt. Auch die Wikinger kamen dorthin. Die Insel war ein wichtiger Ort für sie und andere nordische Siedler und spielte eine wichtige Rolle in der Orkneyinga-Saga, die um 1200 nach Christus geschrieben wurde.
Die Wikinger gaben Fair Isle den Namen Fridarey – die friedliche Insel. Aber sie war natürlich nicht nur die kleine friedliche Insel mitten im Nirgendwo. Sie hatte auch einen machtpolitischen Wert. Die Herren von Orkney und vor ihnen die Wikinger, nutzten sie als Rastplatz, als Ausguck und um mit Leuchtfeuern Signale zwischen den Inseln zu übermitteln.
Auch im ersten und zweiten Weltkrieg wurde Fair Isle wegen seiner strategisch günstigen Lage von der Armee für Aufklärungszwecke und als Funkstation genutzt.
Die Inseln nördlich von Schottland galten zur Zeit des Zweiten Weltkrieges als wichtiger englischer Vorposten in der Nordsee. Schließlich war Norwegen seit 1940 von Nazi-Deutschland besetzt und nur 200 km Luftlinie entfernt. Soldaten der Royal Navy und der Royal Army waren während des Krieges hier stationiert. Unter anderem mit Flugabwehrkanonen. Und auf dem Ward Hill gab es eine Radarstation.
Am 17. Januar 1941 wurde ein Flugzeug der deutschen Luftwaffe über Fair Isle abgeschossen. Der Bomber vom Typ Heinkel He 111 war mit fünf Mann Besatzung in Oldenburg gestartet und auf dem Weg zu einer Aufklärungsmission über den Shetlands. Das Wrack liegt heute noch dort.
Leben auf der Insel
Durch die Abgelegenheit von Fair Isle ist das Leben dort schwierig. Trotzdem litt Fair Isle zeitweise sogar unter Überbevölkerung. Um 1900 lebten dort fast 400 Menschen!
400 Menschen. Männer und Frauen, Greise und Kinder, auf einer Insel, die nur eine rechnerische Gesamtfläche von 5,61 Quadratkilometern hat. Und davon muss man noch die unbewohnbaren Steilhänge und Strände abziehen. Auf der verbleibenden Fläche musste man leben, Schafe züchten, Felder bestellen, Brennmaterial beschaffen und die Kinder großziehen.
Die Menschen waren zeitweise so verzweifelt, dass sie ihre Schafe sogar auf den Sheep Rock trieben, um sie dort weiden zu lassen. Der Sheep Rock ist ein großer, steiler Felsen mit einem steil abfallenden Plateau. Er ist nur durch einen schmalen Grat mit der Hauptinsel verbunden. Die Schafe wurden also mit Booten auf die Klippen gebracht und dann einzeln mit einem Flaschenzug auf die Weide gehievt.
Überbevölkerung, Krankheiten und despotische Grundbesitzer trugen zu einem sehr schlechten Lebensstandard bei. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts sank die Einwohnerzahl langsam, aber stetig unter 400, vor allem durch die Auswanderungswellen nach Nordamerika.
Es drohte Fair Isle das Schicksal vieler kleiner Inseln: Dass sich die Bevölkerung aus wirtschaftlichen Gründen gegen ein Leben auf der Insel entscheiden muss.
Erst zwei Besitzerwechsel trugen dazu bei, die Zukunft der Insel und ihrer Bewohner:innen zu sichern.
Zunächst kaufte 1948 der ortsansässige Schreibwarenhändler, Ornithologe und Naturschützer George Waterson die Insel. 1954 erwarb dann der National Trust for Scotland die Insel von Waterson und verwaltet sie seitdem.
Strom, Telefon und Internet
Auf einer Insel leben bedeutet meistens, dass der Fortschritt erst viel später bei den Menschen ankommt. Und das in allen Lebensbereichen. Auch Dinge, die heute selbstverständlich sind, wie beständig Strom oder Internet, brauchten ihre Zeit, bis sie Fair Isle erreichten.
Der erste Strom wurde mit Dieselgeneratoren erzeugt. Bis 2018 gab es zwar schon Windturbinen auf der Insel, aber sie reichten nicht aus, um die Versorgung rund um die Uhr vollständig zu gewährleisten. Ein Dieselgenerator musste einspringen. Doch um Diesel zu sparen, wurde der Strom von halb zwölf abends bis halb acht Uhr morgens komplett abgeschaltet.
Nach der Gründung der Fair Isle Electricity Company wurde ein Projekt zur Verbesserung der Stromversorgung gestartet. Und man bemühte sich um Fördergelder, um die erwarteten Baukosten von 3,5 Millionen Pfund überhaupt stemmen zu können. Fördergelder, Spenden und Erträge aus einer Lotterie kamen zusammen.
Seit Oktober 2018 liefern drei Windenergieanlagen zusammen mit einer Solaranlage und einem 44 Tonnen schweren Stromspeicher mit einer Kapazität von 588 kWh rund um die Uhr zuverlässig nachhaltige Energie.
Zum ersten Mal in der Geschichte von Fair Isle gab es nun immer Strom. Man kann sich vorstellen, welche Verbesserung das für das Leben auf der Insel bedeutete.
Neben dem Stromkabel gab und gibt es ein weiteres wichtiges Kabel, das heute nicht mehr wegzudenken ist: Die Telefonleitung und damit heute natürlich auch die Verbindung zum Internet.
Internet gab es lange Zeit nur über die Telefonleitung von BT, der British Telecommunications. Und auch nur mit der maximalen Downloadgeschwindigkeit von 0,4 Mbit/s!
Manche leisteten sich teures Internet über Satellit. Doch das war, bevor Starlink startete und schnelles Internet aus dem All erschwinglich machte. 2019 nahm der Betreiber O2 dann 4G auf der Insel in Betrieb. Und Ende 2023 war es endlich soweit: Die ersten Glasfaseranschlüsse wurden verlegt. Und das zwei Jahre früher als geplant!
Die BT-Tochter Open Reach hatte im Rahmen des 490 Millionen Euro schweren schottischen Förderprogramms “Reaching 100% North” eine Glasfaserleitung von Orkney nach Shetland verlegt. Ein Abzweig verbindet seither auch Fair Isle mit dem Internet.
Schafshaltung und Stricken
Fair Isle ist weltberühmt für seine Wollpullover mit den charakteristischen Mustern die heute als „Fair Isle Muster“ bekannt sind. Die Wolle dafür wird von den Schafen von auf der Insel gewonnen.
Die am häufigsten gehaltene Rasse ist das Shetland-Schaf. Es ist eine kleine, ursprüngliche Rasse mit kurzen Beinen, die auch unter sehr rauen und kargen Umweltbedingungen gut leben kann. Sie haben eine sehr weiche Wolle, die von Natur aus in vielen Farbtönen wie braun, weiß, gelb-braun, grau, blau-grau usw. vorkommt.
Nach der Ernte wird die Wolle erst gereinigt, dann gewalkt, um die grobe Wolle zu entfernen, anschließend gekrempelt oder gekämmt, um die einzelnen Fasern zu glätten, gesponnen und dann verschickt oder weiterverarbeitet.
Die Herstellung und der Verkauf von Strickwaren war immer eine zusätzliche Einnahmequelle für das Familieneinkommen. Jahrhundertelang waren die Produkte von Fair Isle aber aufgrund der Abgeschiedenheit nur einem sehr kleinen Kreis von Menschen zugänglich.
Das änderte sich erst, als der Stoffhändler James A. Smith aus Lerwick 1921 dem jungen Edward VIII, dem späteren britischen König, einen Pullover mit V-Ausschnitt schenkte. Viele Modebewusste kopierten seinen Stil und trugen fortan Pullover oder ärmellose Westen von Fair Isle.
In den letzten Jahrzehnten haben sich auch große internationale Designer und Modekonzerne von den Mustern von Fair Isle inspirieren lassen. Man könnte auch sagen: Sie haben die Muster einfach geklaut übernommen.
Insel der Vögel
Fair Isle auch eine, wenn nicht sogar DIE Vogelinsel. Unter Kennern ist sie geradezu berühmt für ihre Vogelwelt. Durch ihre Lage mitten in der Nordsee ist sie ein wichtiger Rastplatz für Zugvögel auf ihrer Reise zwischen Europa und Afrika. Insgesamt brüten hier über 200 Vogelarten, darunter Papageientaucher, Basstölpel, Tordalken und Trottellummen. Auch seltene und gefährdete Vogelarten sind zu beobachten.
1948 wurde das Fair Isle Bird Observatory (FIBO) gegründet und wird seitdem von der Stiftung Fair Isle Bird Observatory Trust (FIBOT) betrieben. Es ist das älteste, kontinuierliche Vogelbeobachtungsprogramm der Welt.
In den ersten 20 Jahren waren es noch sehr einfache Umstände, unter denen die Forscher:innen arbeiten und wohnen mussten. Im Jahr 1969 wurde ein neues, funktionelles Gebäude errichtet, das 2009 durch einen Neubau ersetzt wurde. Seitdem bot es seinen Besucher:innen immerhin eine 3-Sterne-Unterkunft.
Tragischerweise zerstörte 2019 ein Feuer das Gebäude der Vogelwarte. Die Trauer war groß, denn das Feuer vernichtete auch unwiederbringliche Aufzeichnungen, wie die handschriftlichen Originale von George Waterson und die angesammelte Bibliothek. Aber auch die weltweite Anteilnahme war groß und schnell war klar, dass wieder ein neues Observatorium gebaut werden sollte.
Die Planungen für einen Neubau begannen. Gleichzeitig begann man, Spenden zu sammeln. Unter anderem mit einer Crowdfunding-Kampagne, an deren Spitze die Schriftstellerin Ann Cleeves, Autorin der Krimiserien “Mord auf Shetland” und “Vera, ein ganz besonderer Fall”, stand. So bekam man die 8,7 Millionen Euro für den Neubau zusammen.
Es wurde ein neues des Gebäude in Modulbauweise geplant und die Einzelteile mit zwei Baukränen und einem LKW auf einer Barge, einem einfachen Schwimmcontainer, zur Insel verschifft. Nach etlichen Verzögerungen beim Bau und der Inbetriebnahme hat das neue Observatorium im Frühjahr 2025 endlich wieder den normalen Betrieb aufgenommen.
Sehenswürdigkeiten
Neben der Insel selbst, also der Landschaft, dem Meer, der Natur und den Tieren gibt es natürlich auch etwas mehr zu sehen. Man kann die Natur genießen, ihre Höhen und Strände erwandern, Landschaft und Tiere fotografieren oder malen. Es gibt aber auch ein paar Sehenswürdigkeiten.
Da ist einmal die Inselkapelle aus dem 12. Jahrhundert und das kleine Museum, das die Geschichte und Kultur der Insel zeigt.
Wer gerne in den Himmel schaut, um die Sterne zu beobachten, kommt ebenfalls auf seine Kosten. Fair Isle ist aufgrund seiner Lage frei von Lichtverschmutzung und bietet daher einen sehr guten Blick auf den Nachthimmel. Vorausgesetzt, es gibt keine Wolken oder Nebel.
Die beiden Leuchttürme Skroo im Norden und Skaddan im Süden sind natürlich auch einen Besuch wert. Als Leuchtturmfan würde ich sie auf jeden Fall besuchen, wenn ich es mal dorthin schaffe.
Man kann auch das Wrack des abgeschossenen deutschen Bombers aus dem zweiten Weltkrieg besuchen. Die Überreste des Flugzeugs, wie Motoren und Rumpfteile, sind noch heute an der Absturzstelle zu finden.
Anreise und Unterkunft

Die Anreise ist über mehrere Wege möglich:
- Mit der Fähre von Lerwick auf Shetland
- Mit dem eigenen Boot oder Schiff
- Mit dem Flugzeug von Lerwick auf Shetland
Ein normales Hotel gibt es auf der Insel nicht. Es gibt aber auch Zimmer im Vogelobservatorium. Und übernachten kann man in einigen privaten Bed & Breakfast und erhält so hautnah einen kleinen Einblick in das Leben der Gastgeber:innen.
Fazit
Fair Isle ist eine einzigartige und faszinierende Insel mit einer reichen Natur und Kultur. Wer die lange Reise auf sich nimmt, wird sicher mit ganz besonderen Eindrücken und Erinnerungen von einer ganz besonderen Insel zurückkehren. Leider war ich bisher noch nicht dort.
Ich habe aber bereits in der Podcastfolge Nummer 13 ausführlich über die Insel gesprochen. Hört doch mal rein!
Quellen und Links
Überblick
- de.wikipedia.org – Shetlandinseln
- de.wikipedia.org – Fair Isle
- en.wikipedia.org – Fair Isle
- Google Maps – Fair Isle
Insel der Vögel
- fairislebirdobs.co.uk – Startseite
- fairislebirdobs.co.uk – The Trust
- Efforts underway to replace book collection lost in Fair Isle bird observatory fire | Shetland News (shetnews.co.uk)
- Fire destroys Shetland’s Fair Isle Bird Observatory – BBC News
- Funds appeal to rebuild Fair Isle Bird Observatory after fire – BBC News
- New Fair Isle bird observatory now due to finished in 2024 | Shetland News (shetnews.co.uk)
- Life after the Fair Isle fire | Shetland News (shetnews.co.uk)
Leben auf der Insel
- flickr.com / Douglas Law – 4918 Sheep Rock
Sehenswürdigkeiten
- undiscoveredscotland.co.uk – Fair Isle Chapel Feature Page
- shetland.org – George Waterston Memorial Centre & Museum
- Northern Lighthouse Board – Fair Isle (North) – Northern Lighthouse Board
- Northern Lighthouse Board – Fair Isle (South) – Northern Lighthouse Board
Anreise und Unterkunft
- Fluggesellschaft Airtask Group – Airtask Group Webseite
- Fluggesellschaft Airtask Group – Airtask Group auf Facebook






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